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Kulturblog 38 / A Moment Of Slowing Down (DE)

Saturday August 09 2014


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Am 7. August wurde die Ausstellung “A New Installation” der niederländischen Fotografin Paulien Oltheten im Braunschweiger Museum für Photographie eröffnet.

Mitten in der Urlaubszeit muss man schon mal etwas genauer hinschauen, um interessante Kulturtermine in Stadt und Region zu entdecken. Das Photomuseum hat sich den kulturaffinen Heimaturlaubern und Dauerarbeitern angenommen und präsentiert seit letzter Woche Street Photography der besonderen Art. Das Publikum bedankte sich zur Eröffnung des sommerlich-leichten Fotografie-Intermezzos mit zwei sehr gut gefüllten Torhäusern.

Das Besondere an Paulien Olthetens Werken ist ihre Ambivalenz, die sich nicht nur auf verschiedenen konzeptionellen Ebenen wiederspiegelt, sondern auch konsequent bis ins Bildmotiv selbst getragen wird. Ihre digitalen und analogen Bilder bewegen sich in einer Grauzone zwischen spontanem Schnappschuss und inszenierter Performance. Ein weiteres künstlerisches Anliegen Olthetens ist die Abbildung von Redundanz und Unendlichkeit mittels fotografischer Momentaufnahmen.

Im Unterschied zur ebenfalls urbanen und häufig Passanten darstellenden Street Photography sind Olthetens Bilder aber nur zum Teil zufällige Momentaufnahmen. Denn sie benutzt die Stadt nicht nur als Kulisse, sondern auch als Bühne, aus Statisten einer fotografischen Dokumentation können genausogut Protagonisten einer Performance werden. Für Prof. Walter Ackers, 1. Vorsitzender des Photomuseums, steht Olthetens Ansatz für die besondere Qualität der “Stadt als Bühne”, denn die Stadt als Bühne “bietet die Möglichkeit, sowohl Zuschauer als auch Akteur zu sein.”

Eröffnungsredner Ackers darf das Wort dann an hochrangigen Besuch übergeben. Die Kulturreferentin der Niederländischen Botschaft in Berlin, Astrid Kaminski, knüpft in ihrem Grußwort an das urbane Thema von Olthetens Fotografien an. Indem Oltheten auf die Dokumentation des Status Quo verzichtet, verliert das Werk zwar an Authentizität, schafft aber gleichzeit Raum für Partizipation. Hier sieht Kaminski eine Parallele zu dem maßgeblich in den Niederlanden entwickelten Konzept des Shared Space: Weniger Regeln führten zu mehr sozialem Austausch, gegenseitiger Rücksichtnahme und Toleranz. Museumsleiterin Dr. Gisela Parak, die die 32 jährige Niederländerin nach Braunschweig eingeladen hat, lobt deren “außerordentliches Gefühl für den decisive moment”, mit dem sie in der Lage sei, den Ereignissen eine Wendung zu geben und dem Betrachter ein “vertrauensvolles Eintauchen in die Stadt zu ermöglichen”.

Dann kommt die Künstlerin selbst zu Wort und stellt kurz aber sehr prägnant und anschaulich einige der ausgestellten Werke vor, die größtenteils während ihres Aufenthalts in New York im letzten Jahr entstanden sind. “Die Ausstellung folgt einer bestimmten Dramaturgie”, erklärt Oltheten dem Publikum, man müsse die einzelnen Exponate – darunter auch zwei Videoinstallationen – als Teil eines Ganzen betrachten. Ihr Thema ist ganz klar der urbane Raum und dessen Wahrnehmung. Dabei geht sie durchaus analytisch vor – aber das Labor ihrer Experimente ist die Öffentlichkeit, der Erkenntnisgegenstand weniger die individuelle künstlerische, sondern die kollektive soziale Perzeption.

Aufgrund des thematischen Schwerpunktes hätte sie den provisorischen Titel “A New Installation” im Nachhinein lieber in “A Moment Of Slowing Down”, den Titel einer ihrer beiden Videoinstallationen im Torhaus, geändert. Das erklärt mir später die etwas schüchtern wirkende, zierliche Künstlerin, die u.a in Bordeaux und Amsterdam studiert hat und deren Werke bereits diverse Auszeichnungen erhalten haben.

Als ich sie vor einer ihrer Fotostrecken frage, welche der Aufnahmen sie zufällig gemacht und welche sie inszeniert habe, muss sie kurz nachdenken, bevor sie antwortet – und ich merke, wie sinnlos die Frage eigentlich war. Denn genau das nicht zu wissen und Oltheten auf dem schmalen Grat zwischen Dokumentation und Inszenierung zu folgen, darin liegt – neben der handwerklichen Qualität – der besondere Reiz ihrer Werke.